Mit dem Handlungsfeld Natur greift die REGIONALE 2010 offensiv die aktuelle Diskussion um die weitere räumliche Entwicklung der verdichteten suburbanen Räume auf. Im zeitgerechten Verständnis hat sich der ehemalige Gegensatz von bebauter Stadt und unverbauter Landschaft aufgelöst, eshaben sich `Hybridformen´ herausgebildet, die mit Begriffen wie Stadtlandschaft, Zwischenstadt, Regionalstadt u.a. belegt werden. Auch das Verständnis von Landschaft hat sich dahingehend gewandelt, dass sie nicht als Natur, sondern als ein von Menschen hergestelltes Artefakt verstanden wird, zu welchem Land- und Forstwirtschaft ebenso beigetragen haben wie Siedlungs- und Verkehrsentwicklung: Kulturlandschaft eben, deren Genese naturräumliche und kulturhistorische Bezüge aufweist.
Vor dem Hintergrund eines weiterhin starken räumlichen Wachstums in der Region Köln – Bonn kommt den Freiräumen im suburbanen Geflecht große Bedeutung hinsichtlich der Konturierung und Qualifizierung zu, dies nicht nur durch Freihalten und Bewahren, sondern durch gestaltende Weiterentwicklung. Die Stadtlandschaft der Zukunft wird weniger durch bauliche Maßnahmen als durch freiräumliche Qualitäten bestimmt sein. Sie wird das Gesicht der Stadtlandschaft bestimmen. Dies bedeutet nicht Restriktion, im Gegenteil sind die gestalterisch weiterentwickelten und qualifizierten Freiräume in der Lage, Standorte für Wohnen und Arbeiten attraktiv zu machen und damit Investitionen anzuziehen und zu lenken. Allerdings muss hier ein neuartiger Typus von `Landschaft´ oder `Freiraum´ gefunden werden, der sich vom Bild einer öffentlichen Parkanlage oder von der Vorstellung einer idealisierten Landwirtschaft aus vorindustrieller Zeit ablöst und die aktuellen Zustände einer weitgehenden Verstädterung,einer Hochleistungslandwirtschaft auf sehr guten Böden, die urbanen Störungen durch den Abbau von Bodenschätzen, die Trennungen durch Straßen, Autobahnen und Leitungen oder die großen Bauwerke in ein Konzept einbezieht und einen neuen Typus `urbaner Landschaft´ qualitätvoll zu schaffen im Stande ist. Neuere Forschungsergebnisse belegen, dass die Strukturen dieser Landschaft durchaus ihre eigene Ästhetik entwickeln können, wenn sie lesbar und erfahrbar werden, wenn sie durchlässig werden und ein ausreichendes Maß von Öffentlichkeit zulassen. Es ergeben sich dann unerwartete und überraschende Formen der Aneignung durch die Nutzer.
In hohem Maße sind die landschaftlichen Primärstrukturen wie Topografie, Gewässer oder Wald überformt und verändert. Naturräumliche Übergänge und Grenzen sind kaum ablesbar, Landschaft verbleibt als Insel in einem großen Siedlungsgefüge. Das frühere Verhältnis von kompakter Stadt, Siedlungskernen und Dörfern in einer weiten unbebauten Landschaft hat sich geradezu ins Gegenteil verkehrt. Im Bereich Ville und Erft ist die Landschaft buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die Erft wird von Sümpfungswässern aus den Grundwasserabsenkungen des Braunkohletagebaus gespeist, Grundwasser fließt als Oberflächenwasser. Die neuen Ville-Seen liegen auf der Höhe. Die Landwirtschaftwandert aus der Börde auf den vom Wald entkleideten Kamm der Ville.
Und doch sind wichtige Strukturelemente der Stadtlandschaft vorhanden und ablesbar. Dies sind Gewässerläufe, Topografie, Vegetation oder Landnutzungsformen. Auch historische Elemente wie alte Wege und Straßen, Sichtbeziehungen, oder verdeckte Spuren lassen die Landschaft lesen wie ein Palimpsest. Die Menschen beginnen sich mehr und mehr dieser Bezüge zu erinnern und wenden sich ihren regionalen Wurzeln mit Freude zu.
Die neue Landschaft ist nicht ohne Reiz: Der Blick fängt sich aus den offenen Flächen der Börde oder der Rheinterrassen am Ville-Kamm, den großen Kraftwerken oder am rechtsrheinisch aufragenden Bergland. Offene Weite im Gegensatz zu den engen, dicht gebauten Dörfern und Städten bildet einen spannungsvollen Gegensatz, Alleen entfalten in der Ebene eine hohe Attraktivität. Man möchte das nur alles besser verstehen. Warum erreichen die Bäche nicht den Rhein? Warum gibt es einen Kölner Ringkanal? Nach welchen Gesetzmäßigkeiten werden die neuen Wälder, Seen und Landwirtschaftsflächen entwickelt?
Erschlossen sich die Gesetzmäßigkeiten alter Kulturlandschaften über Boden- und Wasserhaushalt, Landnutzung und Parzellierung, bleibt die neue Stadtlandschaft Erklärungen schuldig. Erfahrbarkeit und Aneignung werden durch Barrieren und nicht zugängliche Bereiche verhindert. Wahrnehmung und Ästhetik hängen zusammen, nur Wahrnehmbares erfährt Aufmerksamkeit und Bewertung.
Dies lenkt auf die noch weiter auszuführenden Aspekte hin, dass es nicht das Ziel sein kann, die vorhandene Landschaft komplett im Sinne einer Rekonstruktion oder eines flächigen Parks umzubauen, sondern sie in ihrem Wesen, auch in ihrer Urbanität zu akzeptieren, sie über Wege erfahrbar und erlebbar zu machen und sie mit
gezielten Interventionen nachhaltig zu qualifizieren.